Über Gypsy-Punk, Selfmade-Künstler und Europatouren

Unser großes Interview mit Voltaire

Zum Original-Interview in Englisch

Voltaire

Anlässlich der Veröffentlichung von "To The Bottom Of The Sea" hatten wir das Vergnügen Voltaire ausführlich zu seinem neuen Werk befragen zu können. Die ersten Hörproben und das Cover, dass man auf Voltaires Myspace-Seite vorab bestaunen konnte, ließen schon vermuten, dass diesmal einiges anders werden würde. Und da gibt es auch Gerüchte, dass der Musiker endlich eine Europa-Tour plant. Aber lest selbst.


Teil 1: Inside

Cabaret-Noir.de: Mein erster Eindruck von deinem neuen Album "To The Bottom of the Sea" war, nachdem ich auf deiner Myspace-Seite das Cover gesehen und den Song "Happy Birthday My Olde Friend" gehört hatte, dass du versucht hast mehr piratentypische Stilelemente in deine Musik einzubauen. Aber die Stücke "Coin Operated Goi" und "Death Death", die dort auch zu hören sind, passen nicht in dieses Schema. Worum geht es also auf deiner neuen CD?
Voltaire: Als ich die Melodien für "To The Bottom of the Sea" schrieb, fand ich, dass sie sich in zwei Gruppen einteilen ließen. Einige der Songs hörten sich an, als wären sie aus einem Musical, in dem Gypsys im 19. Jahrhundert gegen einen bösen Tyrannen revoltierten. Das andere Bündel Melodien erinnerte dagegen eher an alte Seemannslieder. Es gab da einen Moment, in dem ich wirklich befürchtete, ich müsste daraus zwei separate Alben machen. Aber dann zeigten mir die Songs einen Weg auf, wie ich beide Gruppen mit einander verbinden könnte, nämlich in einer Story in der es einen Gypsy nach einer Revolution auf die See treibt.
Ich denke, das endgültige Resultat ist eine Gypsy-Punk-CD mit piratigem Feeling.

CaNo: In den neuen Songs benutzt du oft ein Akkordeon. Soweit ich weiß ist es das erste Mal, dass du dieses Instrument für deine Musik benutzt. Dagegen scheint es so, als hättest du die Gitarren-Parts in deinen Songs verringert. Was war deine Idee hinter diesem Austausch?
V: Auf Ooky Spooky (Voltaires letzter CD - Anm. d. Red) hatte ich meiner Musik Hörner hinzugefügt und fand, dass es der CD einen sehr amerikanischen und mexikanischen Sound gab. Dadurch klang sie teilweise wie dunkle mexikanische Volksmusik und teilweise wie Musik von Cab Callaway (ein berühmter amerikanischer Jazz Sänger der 1930er und 40er - Anm. der Red.). Mit der neuen CD wollte ich von Beginn an zurück zu einem mehr gypsyartigen Sound, wie er auf meiner ersten CD, The Devil´s Bris, war. Und weil ich Seemannslieder geschrieben hatte, war ich der Meinung wirklich ein Akkordeon zu brauchen. Das Akkordeon schloss die Lücke zwischen dem Gypsy- und dem Piraten-Feeling, das ich erreichen wollte. So hat sich der Sound entwickelt.
Außerdem habe ich in letzter Zeit eine Menge von Gogol Bordello und Firewater und anderen Gypsy-Punk-Bands gehört und auch viel von meinem alten Lieblingsmusiker Tom Waits. Das hat den Sound auch echt beeinflusst.

Voltaire CaNo: Lass uns über einige deiner Stücke von "To The Bottom of the Sea" reden. Song 5, "Coin Operated Goi": Wie kam dir die Idee "Coin Operated Boy" von den Dresden Dolls zu parodieren? Und warum hast du dazu ein jüdisches Thema gewählt?
V: Wie die meisten meiner unsinnigen Liedchen, wurde auch dieses aus Trunkenheit geboren! Ich war in einer Bar und sie spielten den Dresden Dolls Song "Coin Operated Boy". Ich war betrunken und dachte mir, es wäre total witzig, dass sich "Boy" auf "Goi" (Goi ist hebräisch und wird meist mit "Nichtjude" übersetzt - Anm der Red.) reimt. Und einen Moment später hatte ich schon den ersten Vers. Noch ein paar Momente später vergass ich das alles wieder. Erst als ich mehrere Monate später auf Tour war fiel mir die ganze Geschichte wieder ein. Ich schrieb den Text auf der Fahrt fertig und spielte den Song bei mehreren Shows in Texas. Dabei wurde er jedes Mal ein wenig länger. Am Ende der Tour war das Lied fertig.
Dieselbe Geschichte ist für meinen Song "Cantina" wahr. Ich war einmal auf einer Klingonen-Party auf dem DragonCon Filmfestival (Ja, eine Klingonen Party!). Da waren alle diese verrückten Leute, die in kompletten Klingonenkostümen herumgelaufen sind. Plötzlich bemerkte ich, dass die Musik, die gespielt wurde von Garth Brooks, einem amerikanischen Country-Western Sänger war. Ich war völlig betrunken und fand es unglaublich lustig, dass Klingonen Country-Musik hörten. Aus dem Bauch heraus begann ich ein Country-Western-Lied zu singen, indem Luke Skywalker in eine Kneipe geht und von allen Monstern darin vergewaltigt wird. Wenn ich nicht so betrunken gewesen wäre, wäre das Lied über Star Trek gewesen, aber ich glaube an dem Punkt konnte ich damals nicht mehr zwischen Star Wars und Star Trek unterscheiden. Ich vergass alles was in dieser Nacht geschah vollständig und ein Jahr später schrieb ich "Cantina". Als ich den "neuen Song" für meine Freundin spielte, schaute sie mich nur an und meinte "Du dummer Säufer! Du hast das Lied letztes Jahr auf dieser verrückten Klingonen Party geschrieben!" He he.

CaNo: Hast du schon Reaktionen von Amanda und Brian von den Dresden Dolls zum Lied bekommen?
V: Ich denke, Amanda und ich teilen dieses verrückte Phänomen, dass unsere Fans mehr mit uns über den Anderen reden, als wir direkt miteinander, he he. Ich denke das kommt davon, dass wir beide ständig auf Tour sind, aber leider noch nie zusammen. Ich höre Geschichten über sie von meinen Fans in denen sie dies gesagt und das getan hat. Und ich denke ihr geht es umgekehrt genauso. Ich hab keine Zweifel daran, dass sie von unseren gemeinsamen Fans von Coin Operated Goi gehört hat, lange bevor ich dazu kam ihr persönlich davon zu erzählen.
Vor kurzem schrieb sie in ihrem Myspace-Blog, dass sie es wahnsinnig lustig fand und sie hatte zusätzlich einen Link zu meiner Seite gepostet. So sieht es aus. Ich bin glücklich, dass sie das Stück mag. Sie ist unglaublich talentiert und ich mag und bewundere sie wirklich sehr. Deshalb wäre ich sehr unglücklich gewesen, wenn sie Coin Operated Goi nicht gemocht hätte. Amanda hatte ein Duett mit mir für "Ooky Spooky" eingesungen und es hat unglaublich viel Spaß gemacht mit ihr zu arbeiten und Zeit mir ihr zu verbringen.
Voltaire

CaNo: Die Trackliste, die du auf deiner Myspace-Seite gepostet hast, enthielt noch keinen Namen für den sechsten Song. Wie heißt er im Endeffekt und worum geht es darin?
V: Die Geheimhaltung war nötig, denn der Song ist eine Coverversion eines Stücks von Julia Marcell, einer polnischen Sängerin. Ich wurde über Myspace auf sie aufmerksam und bin mittlerweile ein großer Fan von ihr. Sie lebt jetzt übrigens in Berlin. Jedenfalls hatte ich sie dazu eingeladen ein Duett mit mir zu singen, das This Sea heißt (Track 7 auf der CD) und ich wollte es mit dem Cover ihres Songs "Accordion Player" einleiten. Aber es sollte eine Überraschung für sie sein! Und ich konnte es ihr ja kaum erzählen, bevor das Stück nicht wirklich fertig war, denn ich war mir nicht sicher, ob ich das Ganze durchziehen würde. Als es dann endlich fertig und ich damit glücklich war, konnte ich es Julia erzählen und danach der Welt mitteilen. Das Stück soll ein Geschenk für sie sein als eine Art "Dankeschön" dafür so talentiert zu sein und mich inspiriert zu haben. Also konnte ich natürlich niemandem etwas erzählen, bevor ich die Arbeit daran nicht beendet hatte, damit sie bloß nicht von jemandem davon gehört. Julia war dann auch ganz hin und weg von Ergebnis und wirklich überrascht, worüber ich mich sehr gefreut habe.

CaNo: Lass uns noch über den zwölften Song "Death Death (Devil Devil Devil Devil Evil Evil Evil Evil Song)" sprechen. Welche Geschichte steckt hinter diesem ungewöhnlichen Liedtitel?
V: Also, er spricht doch für sich selbst, nicht? Das ist der Text vom Refrain! He he… Das Lied basiert auf einer wahren Geschichte. Wie der Text es beschreibt, "My granny while on her deathbed, she turned and said to me, "Why must you view life so morbidly? I tried to teach you right, but somewhere I went wrong. ´Cause you sing those death, death, devil, devil, evil, evil songs." (Grob übersetzt: Während meine Großmutter im Sterben lag, drehte sie sich zu mit und sagte: "Warum musst du das Leben immer so morbide betrachten? Ich habe versucht dich gut zu erziehen, aber irgendwo habe ich einen Fehler gemacht. Weil du diese teuflischen, teuflischen, bösen, bösen Lieder über den Tod singst.")
Sie sagte das wirklich so zu mir... und starb dann. Wenn das nicht einen eigenen Song verdient, dann weiß ich auch nicht! Aber natürlich können sich viele Leute mit dem Song identifizieren, denn viele meiner Fans wurden, genauso wie ich, immer als "böse" bezeichnet von Leuten die sie einfach nicht verstanden haben oder verstehen wollten.

Voltaire CaNo: In "Death Death" und anderen Songs (wie z.B. "Hell In A Handbasket") singst du davon, nach dem Tod zur Hölle zu fahren. Ist das einfach nur ein Scherz oder als Provokation für religiöse Menschen gedacht? Oder glaubst du selbst daran?
V: Wenn es wirklich eine Hölle gibt, sind wir längst drin. Ich bin ein sehr weltlicher Mensch. Ich glaube an nichts, dass ich nicht selbst anfassen kann. Aber ich liebe es über den Teufel oder Dämonen zu singen. Ich habe immer Monster und das Makabre geliebt und als ich als Kind in die Kirche ging, haben die Illustrationen in der Bibel von der Hölle und Teufeln, die von Engeln getötet wurden, meine Phantasie beflügelt. Falls diese Illustrationen mir Angst machen sollten, hatten sie den gegenteiligen Effekt! Sie inspirierten mich. Ich weiß nicht, ob ich ein Provokateur bin, aber ich finde es amüsant den Leuten zuzusehen, wie sie sich von so etwas Albernem wie Teufeln und Dämonen verrückt machen lassen. Ich meine, mal ehrlich, was für ein Jahrhundert haben wir, dass die Leute immer noch so einen Scheiß glauben? He he.

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Aiko

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