A Dark Cabaret
(Projekt / Audioglobe)

"Dark Cabaret ist ein Musikgenre das die Ästhetik der dekadenten, anstößigen Ära der Weimarer Republik und die Burlesk- und Varieteshows der 1920er verbindet mit dem morbiden und düsteren Stils der Nach-1970er Gothic Kultur, mit Gothic Rock, Punk, Death Rock und Dark Wave" - so liest sich der Anfang des Artikels "Dark Cabaret" auf Wikipedia.org übersetzt aus dem Englischen.
Warum eine englischsprachige Quelle? Einfach aus einem Mangel an Alternativen in deutscher Sprache, denn der Stil des Dark Cabaret ist bisher vor allem ein amerikanisches Phänomen, hierzulande ist es dagegen bisher kaum jemandem ein Begriff.
In diese Lücke springt nun A Dark Cabaret vom amerikanischen Label Projekt (tatsächlich mit "k" geschrieben) und wirft ein Schlaglicht auf die vornehmlich amerikanische Künstlerszene dieser Couleur. Völlig unbekannt sind die Interpreten dabei auch dem deutschen Hörer nicht: The Dresden Dolls aus Boston sind spätestens seit ihrer sehr erfolgreichen Deutschlandtour 2006 in unseren Breiten bekannt, ebenso sind Black Tape For A Blue Girl nach mehr als 20 Dienstjahren als Urgesteine der amerikanischen Gothic Szene auch hierzulande ein Begriff. Den leider verstorbenen Rozz Williams (Christian Death, Shadow Project) muss man nicht mehr vorstellen, der als früher Pionier und Wegbereiter dieses Musikgenres gehandelt wird. Auch mit der einzigen nicht amerikanischen Band auf der Compilation, den Franzosen von Katzenjammer Kabarett, konnte man beim diesjährigen Amphi Festival bereits auf Tuchfühlung gehen.
Wie klingt Dark Cabaret aber nun? Das Schlagwort ist "Analog". Von Dark Cabaret beeinflusste Musik setzt einen Gegenpunkt zum gegenwärtigen oft nur noch effekthaschenden und inhaltsleeren elektronischen Mainstream der schwarzen Musikszene. Statt Beats und Retorte sind klassische Instrumente wie Klavier, Geige und die Akustikgitarre typisch. Der Gesang gestaltet sich ebenfalls durchweg natürlich, Verzerrer sind hier fremd. Tiefe weibliche Stimmen herrschen vor, die wie ihre selteneren männlichen Gegenparts grundsätzlich melodisch, trotzdem partiell rau, schreiend, wimmernd klingen, nur um dann wieder sanft, neckisch und verspielt zu sein (durchaus auch im selben Track).
Verspielt ist daher ebenfalls ein Markenzeichen des Dark Cabaret. Trotz des Verzichts auf Elektronik, die die Klangfarbe der Instrumente verändert, sind kleinere Effekte durchaus vorhanden, noch häufiger sind untypischer Instrumente und Unterlegungen, ebenso wie andere Soundspielereien im Hintergrund. Dazu kommt die erwähnte Unberechenbarkeit des Gesangs, die von Dissonanzen in der Melodie oder dem kurzzeitigen Ausbrechen einzelner Instrumente aus dem Taktgefüge noch unterstrichen wird. Ich fühlte mich an den Aufbau expressionistischer Lyrik erinnert: In einem klassischen Rahmens aus analogen Instrumenten sind Verfremdungen, Umgehungen und Ausbrüche aus diesem scheinbar starren Rahmen allgegenwärtig. Alles zusammengefügt ergibt sich aus diesem Gemisch eine extrem starke, emotional und atmosphärisch vor innerer Spannung knisternde Klangwelt, die ihren ganz eigenen Kosmos von fröhlich-ironischen bis verzweifelten-wahnsinnigen Stimmungen ausbreitet.
Vielleicht wird für den technophine schwarzen Partygänger diese eher ruhige, unbeständige Gefühlswelt beim ersten Kontakt gewöhnungsbedürftig sein, während dagegen ältere Szenegänger leichter Anknüpfungspunkte zur Nachdenklichkeit und Getragenheit alter Helden finden werden. Ich jedenfalls kann diese Compilation jedem Hörer vorbehaltlos empfehlen. Das einzig kleine Manko, das ich an dieser CD finde, ist die vergleichsweise kurze Spielzeit von etwa 45 Minuten. Der Qualität und dem Erlebnis tut dieser Tatbestand allerdings keinen Abbruch, von daher: Daumen hoch!

8 von 10 Punkten

Playlist:
The Dresden Dolls - Coin-Operated Boy
Revue Noir - Sometimes, Sunshine
Jill Tracy - Evil Night Together
Katzenjammer Kabarett - Gemini Girly Song
Audra - Cabaret Fortune Teller
Nicki Jaine - Pretty Faces
Pretty Balanced - Simon´s Sleeping
Black Tape For A Blue Girl - Knock Three Times
The Brides - Audience To The End
Rozz Williams - Flowers
ThouShaltNot - True Love

Aiko

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